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20 June 2023

DOLBY ATMOS

Von der ersten Tonaufnahme 1860 bis zu unserer heutigen Abspiel Vielfalt sind wir einen weiten Weg gegangen. Von Vinyl über Tape zu CD und MiniDisc. Vom mp3-Player in der Tasche zum Streaming Service auf dem Smartphone. Aber eines ist gleich geblieben. Bis auf wenige Ausreißer wie Super-Audio-CDs und Surround Mischungen auf DVD für audiophile Liebhaber ist unsere Musik größtenteils im Stereo Format geblieben. Doch es kommt in den jüngsten Jahren Bewegung in die Klangwelt. Mit 3D Audio Codecs wie Apple Spatial Audio wird der Content auf binaurales Hören erweitert und Dolby Atmos Music verspricht ein revolutionäres Neudenken in der klanglichen Gestaltung. Was ist dran am Hype? Was kann das Format und was nicht?

 

Stereo vs 3D & Binaural

 

Beantworten wir erst einmal die Fragen, wann aus Stereo eigentlich 3D wird. Stereo kommt aus dem Griechischen und bedeutet “starr” oder “räumlich”. In der Audiowelt beschreibt Stereo zwei separate Audiokanäle. Das bedeutet, dass der Ton, der auf einer Seite des Kopfhörers übertragen wird, sich vom Ton auf der anderen Seite unterscheidet. Stereo-Audio erzeugt unter Kopfhörern die Illusion vom Eintauchen in die Musik, schafft jedoch keine multidimensionale oder interaktive Klanglandschaft.

 

3D Audio hingegen erschafft den Eindruck, dass man sich in der Musik selbst befindet. Binaural bezieht sich technisch gesehen auf Klänge, die so aufgenommen werden, dass eine der Hörer diese genau so hört und orten kann, wie sie in der realen Welt zu hören wären. In Verbindung mit Head Tracking lässt sich sogar die Kopfdrehung mit einbeziehen und die Musik so dynamisch verschieben.

 

3D Audio & HRTF

 

Eines der gängigsten Formate ist Apples Spatial Audio, dessen Ziel es ist, von der seitlich-frontalen Klangwiedergabe in eine räumliche Darstellung zu gehen. Das erzeugt den Eindruck, dass man sich nicht vor der Bühne, sondern direkt zwischen den Musikern und ihren Instrumenten befindet. Head Tracking inklusive. Surround Mischungen werden dafür auf virtuellen Punkten um den Kopf herum verteilt und mittels HRTF (Head Related Transfer Function) so angepasst, dass es wirkt, als würden sie aus allen Richtungen kommen.

 

 

HRTF (Head Related Transfer Function) beschreibt dabei, wie ein Klang gefiltert und gebrochen wird, wenn er aus einer bestimmten Richtung auf unsere Ohren auftrifft und was sich daraus für unterschiedliche Frequenzkurven zwischen dem rechten und linken Ohr ergeben (siehe Abb. 1). Ein Problem dabei ist allerdings, dass die verwendeten HRTFs für manche Menschen sehr gut und für andere überhaupt nicht funktionieren. Wer kein “genormtes” Ohr hat, verliert erstmal. Eine Lösung sind personalisierte HRTFs, die mittlerweile von Firmen wie Apple, Sony oder Dolby angeboten werden.

 

Die unterschiedlichen Dolby Formate

 

Speaking of: Die meisten verbinden Dolby eher mit Kino. Dolby Surround ist ein analoges Mehrkanal-Tonsystem für den Heimbereich. Dolby Surround ist technisch verwandt mit Dolby Stereo, das im Kino verwendet wird. Den meisten wird es als “5.1” geläufig sein. Das Signal wird hierfür auf 5 Speaker Kanäle und einen Sub (LFE) Kanal aufgeteilt. Gemischt wird in das so genannte “Bed” auf die jeweiligen Lautsprecherkanäle (Links, Mitte, Rechts, Links Hinten, Rechts Hinten und LFE).

 

Das Problem mit Kanal basierten Formaten: Wenn man eine 5.1 Mischung auf einem Stereo System abhört, fallen 3 Kanäle (Mitte, Links Hinten und Rechts Hinten) einfach weg, die durch die fehlenden Lautsprecher nicht bedient werden können. Die Informationen werden nicht “umgeroutet” oder “zusammengefaltet”.

 

Und hier liegt auch der große Unterschied zum “neu” eingeführten Dolby Atmos. Dieses ist über den Dolby Atmos Renderer Matrix basiert. Das heißt, dass die Klänge neben dem klassischen Lautsprecher Kanal basierten Mischen (hier 7.1.4) auch als Mono oder Stereo Objekte in einer räumlichen 3D Matrix platziert werden können (siehe Abb. 2).

 

 

Das heißt, dass ein Dolby Atmos File je nach Encoder und angeschlossenen Lautsprechern praktisch “herunter gefaltet” werden kann und so keine Information verloren geht. Einziger Kniff, den es zu beachten gilt: Alle Elemente müssen als Objekte im Raum platziert und nicht ins “Bed” gemischt werden. Denn dieses ist auch bei Dolby Atmos eine fixierte Lautsprecher Zuweisung.

 

Braucht meine Musik jetzt Dolby Atmos?

 

Jein. Der entscheidende Vorteil und auch die große Stärke von Dolby Atmos Music, neben all dem schönen immersiven Part, liegt in der technischen Vorgabe der Lautstärke. Um ein Übersteuern beim "Herunterfalten" zu vermeiden, schreibt Dolby vor, dass die Titel -18 LUFS und -3 dB True Peak nicht überschreiten dürfen. Das sind etwa 10 dB mehr möglicher Dynamik Umfang (!), was, wenn man trotzdem gut komprimiert, bei gleicher klanglicher Dichte deutlich mehr Punch bedeutet. Normalerweise wäre ich da vor 10 Jahren noch verhaltener gewesen, aber in Zeiten von Lautstärke-Normalisierung und bezahlbaren guten Earbuds ist die Alltagsanwendung gegeben.

 

Natürlich wird das nicht für jeden das neue Mekka bedeuten. Bestimmte Musikrichtungen profitieren mehr von Dolby Atmos als andere. Insbesondere EDM- und Pop-Künstler können Dolby Atmos maximal kreativ nutzen. Aber auch andere Genres wie Hip-Hop oder Rock können durch Dolby Atmos mehr Tiefe und klangliche Vielfalt erhalten. Bei Klassik fehlt mir die Akzeptanz des von vorn beschallten Konzertgängers.

 

Fazit

 

Dolby Atmos Music hat das Potenzial, die Musikwelt und wie wir Musik produzieren zu verändern. Mit dem Ziel, einzigartige und immersive Hörerlebnisse zu bieten, die das Musikhören auf eine neue Ebene heben. Spotify als aktueller Gatekeeper ist das letzte Hindernis, welches das Format überwinden muss, um die breite Masse zu erreichen. Aktuell befinden wir uns noch in einer Umbruch-Phase, in der größtenteils Back-Katalog Musik für Dolby Atmos neu gemischt wird. Der Anteil an mit Dolby Atmos im Hinterkopf produzierten Alben wird in den kommenden Jahren deutlich steigen und ich bin gespannt, wo die Reise hingehen wird.

 

- Johannes

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